Sängern fehlt der Nachwuchs

Nach 158 Jahren: MGV Oberlahnstein löst sich auf

19.04.2021 - 14:35

Lahnstein. Als der MGV 1863 Oberlahnstein gegründet wurde, gehörte die selbstständige Stadt Oberlahnstein noch zum Herzogtum Nassau und Herzog Adolf war Landesherr. Heute, nach 158 Jahren, löst sich der älteste Lahnsteiner Männergesangverein mangels Nachwuchs auf. Seit drei Jahren ein Teil des Männerchor Lahnstein, aber als Verein bisher noch selbstständig, haben sich die verbliebenen fünf aktiven Sänger – darunter auch der langjährige Vorsitzende Hans Schwank – nun dem MGV 1881/1904 Niederlahnstein und Männerchor Frohsinn angeschlossen, was der Vorstand auch den inaktiven Mitgliedern empfiehlt. Die Vereinsakten wurden dem Stadtarchiv Lahnstein übergeben, wo sie bereits verzeichnet wurden und so für die Nachwelt überliefert bleiben.


Der Blick zurück: Als 15 sangesfreudige Oberlahnsteiner sich am 14. Mai 1863 in einer Gaststätte an der Ecke Blankenberg / Hochstraße entschlossen, einen Verein zu gründen, gaben sie sich den Namen „Germania“. Bereits im gleichen Jahr erfolgte ein offizieller erster Auftritt, im Folgejahr das erste Stiftungsfest mit Fahnenweihe. Im gleichen Jahrzehnt hatte sich auch ein zweiter Chor mit Namen „Concordia“ gegründet. In der Erkenntnis, dass mit einem größeren Chor mehr zu erreichen ist, vereinigten sich die beiden Vereine bereits 1870 unter dem Namen „Oberlahnsteiner Männer-Gesang-Verein 1863“.

Regelmäßig beteiligte man sich fortan an den damals üblichen Sängerwettstreiten, zu denen man in andere Städte fuhr und oft preisgekrönt zurückkehrte. 1881 führte der Verein einen eigenen Sängerwettstreit durch, um hierdurch „die Lust und Liebe zum Gesang“ in der eigenen Stadt „zu fördern und zu kräftigen“. Auch wirkte man an der Gründung des „Nassauischen Sängerbundes“ mit.

Das 40-jährige Jubelfest 1903 wurde wiederum mit einem Gesangwettstreit in Oberlahnstein verbunden, an dem 32 Vereine teilnahmen, wie in der damals erschienenen 132-seitigen Festschrift sowie in der Presse nachzulesen ist. Ebenso wurde 1913 das goldene Jubiläum mit einem dreitägigem Gesangwettstreit gefeiert, an dem die Bevölkerung Oberlahnsteins regen Anteil nahm. Dann folgte der Erste Weltkrieg, der nicht nur das Vereinsgeschehen ruhen ließ. Viele Sänger wurden eingezogen, zehn von ihnen fielen. In den 1920er Jahren konnten wieder viele auswärtige Sängerfeste und Wettstreite besucht werden. Besonders erfolgreich war die Teilnahme 1922 in Kiedrich / Rheingau, von wo man den 1. Klassen-, 1. Ehren- und Höchsten Ehrenpreis des Reichspräsidenten Ebert sowie den 1. Dirigentenpreis mit nach Hause brachte. Ein Jahr bevor der Zweite Weltkrieg erneut die Stimmen verstummen ließ und Tod und Elend brachte, durfte der Verein sein 75-jähriges Bestehen mit einem Sängerfest begehen. Fünf Sänger kehrten aus dem Krieg nicht in die Heimat zurück.

Erst nach Genehmigung durch die französische Militärregierung durfte der Verein im Januar 1946 seine Probenarbeit aufnehmen. Schon bald erreichte der Chor wieder sein hohes Niveau. Nach einem erfolgreichen Festkommers zum 90-jährigen Jubiläum übernahm Chordirektor Herbert Wolf im Februar 1954 die Leitung des Chores. Es wurde eine sehr erfolgreiche Zeit unter seinem Dirigat, die 44 Jahren andauern sollte. Beispielsweise erhielt der Chor 1958 bei einem Kritiksingen des Sängerkreises Rhein-Lahn die beste Wertung aller 19 teilnehmenden Chöre.

1960 gründete man einen Kinderchor, der fünf Jahre bestand.

Ein weiterer Höhepunkt im Vereinsleben war das 100-jährige Vereinsjubiläum 1963 mit Festkommers, Freundschaftssingen und buntem Abend unter Mitwirkung von Stars aus Funk und Fernsehen. Der Verein erhielt im Auftrag des Bundespräsidenten die „Zelter-Plakette“ für 100 Jahre Chorgesang verliehen. Neben den jährlichen Konzerten im Saal des Turnerheims, ab 1967 in der Aula des Gymnasiums und seit den 1970er Jahren in der Stadthalle Lahnstein, wurden auch die musikalischen Auftritte bei befreundeten Vereinen gepflegt. Besondere Freundschaft bestand zum MGV Eintracht Zennern. Auch mit den anderen Chören des Dirigenten Herbert Wolf wurden gemeinsame Konzerte, aber auch gemeinsame Chorfahrten, so 1981 nach Salzburg, 1983 nach Wien oder 1987 nach Straßburg, veranstaltet. Bei der 125-Jahrfeier erhielt der Verein im Auftrag des damaligen Ministerpräsidenten und Schirmherren Bernhard Vogel das Wappenschild des Landes Rheinland-Pfalz überreicht. Dem MGV 1863 Oberlahnstein war es 1988 vergönnt, mit 61 Aktiven auf der Bühne zu stehen.

In den letzten 33 Jahren haben sich die Reihen der Sänger aufgrund der allgemein in Männerchören bestehenden Nachwuchsprobleme stark gelichtet. Man vereinbarte mit den anderen Lahnsteiner Chören, sich bei Ständchen- oder Friedhof-Singen gegenseitig zu unterstützen. Aus dieser losen Zusammenarbeit kamen sich die Sangesbrüder des Eisenbahner Gesangverein (seit Januar 1989 gemeinsame Probe), des MGV 1881/1904 Niederlahnstein und des MGV 1863 Oberlahnstein immer näher. Bei einem gemeinsamen Konzert im April 1996 wurde die Bildung einer Chorgemeinschaft angeregt. Diese bestand seit 01. Januar 1998 zwanzig Jahre unter dem Dirigat von Jürgen Salzig. Man unternahm getrennte und gemeinsame Sängerreisen, beispielsweise 1999 nach Prag oder 2005 nach Kanada. Neben zahlreichen Benefizkonzerten, Auftritten bei befreundeten Chören und Ständchen, wurden seit 1998 jährlich Serenaden am Johanniskloster oder in der St.-Barbara-Kirche veranstaltet, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

2013 wurde der 150. Geburtstag groß mit Festkommers in der Stadthalle Lahnstein, mit einem Kirchenkonzert in St. Martin unter Beteiligung der Don Kosaken sowie vereinsintern mit einem mehrtägigen Ausflug nach Mecklenburg, gefeiert. Nachdem sich der Eisenbahnergesangverein aufgelöst und die beiden verbliebenen Männergesangvereine viele Sänger durch Tod und Krankheit verloren, entschlossen sie sich, auch den Männerchor Frohsinn in die Chorgemeinschaft mit aufzunehmen. Dem neuen Gebilde gaben sich die drei selbstständigen Vereine den Namen „Männerchor Lahnstein“ und proben seit Februar 2018 unter dem Dirigat von Franz Rudolf Stein und Vizedirigent Jürgen Salzig.

Auch wenn der MGV 1863 sich nun als eingetragener Verein auflöst, wird der Männerchor Lahnstein durch die beiden anderen Vereine fortbestehen, auch die Wandergruppe des MGV 1863 wird unter der bewährten Leitung von Gregor Vogel weitermachen. Zurzeit lässt die Pandemielage weder Probenarbeit noch Wanderungen zu, aber die Sänger des Männerchor Lahnstein sind zuversichtlich, im Sommer wieder mit den Vereinsaktivitäten loszulegen. Ein Ziel ist auch schon gesetzt: das große Adventskonzert am 05. Dezember 2021 in der Stadthalle Lahnstein.

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21.04.2021 12:40 Uhr
S. Schmidt

‚Danser encore‘: Protest mit Musik - Orchester, Chöre, Bands und Musikschulen werden aufgelöst, in Fashmobs versammeln sich Musiker, Tänzer, Sänger nun an öffentlichen Orte um mit dieser musikalischen Protestwelle auf ihre Probleme aufmerksam zu machen. Diese Art des Protestes startete vor zehn Tagen in Paris. Am Wochenende ist sie in Deutschland angekommen.



20.04.2021 00:58 Uhr
juergen mueller

Ja, so wird es RÜBENACH auch irgendwann ergehen.
Kein Nachwuchs, weil durch neuzeitliches Denken Prioritäten anders gesetzt werden, was man in die alten Köpfe nicht hineinbekommt, die in einer Welt leben, die nicht mehr der Wirklichkeit entspricht, was man nicht wahrhaben will.
NEUZEIT - etwas, was viele noch nicht verinnerlicht haben.
Was früher selbstverständlich war, ist plötzlich ein Problem.
Für viele unüberwindbar, die nicht mit der Zeit gehen können/konnten.
Das eine vermeintlich fest integrierte Institution nie einem Abschluss erliegen kann - undenkbar - ein nicht mit der Zeit gehender Denkprozess.
Man ergeht sich in der Vergangenheit, vermeidet aber die Zukunft.
Ein falsches Altersdenken..



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Kommentare
Gabriele Friedrich:
Klar, den Kindern die Natur beibringen und wie Papier hergestellt wird, das der Regenwald schon abgegrast ist und man achtsam sein muss... und dann bunten Krempel und *bling*bling* aus China kaufen. Oder Fischstäbchen mit wenig Fisch und viel Panade in viel Verpackung. Hauptsache bunt... hört mir doch...
juergen mueller:
Da haben wir es wieder. Andere, wie hier Kinder, inspirieren zu wollen, mit einem tatsächlich wertvollen Material wie Papier sorgsam umzugehen, ihnen näherzubringen, woraus es eigentlich hergestellt wird u. sich selbst dessen ausgiebig u. verschwenderisch zu bedienen, weil man es für ein Festhalten...

„Gedanken...“

Gabriele Friedrich:
Ich kann da auch nichts mit anfangen, schon recht nicht wenn "Gott" genannt ist. Seelsorge -das ist ein Begriff, der die Tatsachen ausblendet, das der Mensch körperliche Leiden hat, existenzielle Sorgen, Probleme mit anderen oder eben einfach nur Hilfe sucht. Der Alltag sieht so aus, das man relativ...
juergen mueller:
Ich persönlich verzichte gerne auf solche Hilfe und das aus einem bestimmten Grund. Jeder, der das liest, sollte sich darüber im Klaren sein, dass das alles mit Realität nichts zu tun hat. Unter Seelsorge stelle ich mir etwas anderes vor - greifbar, der Realität entsprechend, kein Gelaber von etwas,...
Gabriele Friedrich:
[ Zitat ] „Die Stärke der SPD war es schon immer, zuzuhören und nah bei den Menschen zu sein“ [ Zitat Ende ] Das muss aber mindestens über 50 Jahre her sein,, wenn nicht länger....
juergen mueller:
Klar ist hier garnichts. In Kontakt mit den Bürger*innen zu treten, zuzuhören, nah bei den Menschen zu sein ist keine Stärke der SPD u. war es nie. Selbstlob stinkt nun einmal. 3 Kriterien, die jeder Politiker für sich ins Feld führt, weil sie einfach zum politischen Leben dazugehören, für ihn persönlich...
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