Angela Merkel und Malu Dreyer besuchten gemeinsam mit Innenminister Roger Lewentz die Gemeinde Schuld an der Ahr

Die Heimat ist kaum noch zu erkennen - Merkel: Wir müssen uns sputen

19.07.2021 - 10:04

Schuld/Adenau. Bundeskanzlerin Angela Merkel besuchte am vergangenen Sonntag das Katstrophengebiet Kreis Ahrweiler. Hier hatten in der Woche zuvor heftige Starkregen sintflutartige Hochwasser an der Ahr verheerende Überschwemmungen verursacht. Mehr als hundert Menschen verloren ihr Leben, tagelang suchten die Rettungskräfte nach Vermissten. Oft konnten diese nur noch tot geborgen werden. Angela Merkel besuchte zusammen mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer den besonders betroffenen Ort Schuld.


„Es gibt kaum Worte, um die Verwüstung zu beschreiben, es ist surreal, ja gespenstisch“, sagte sie in der anschließenden Pressekonferenz vor dem Adenauer Rathaus. „Aber es ist wichtig, dass wir uns den Ort des Geschehens ansehen, um es zu begreifen“, und „wenn ich heute in Schuld war, war ich stellvertretend auch in allen anderen Orten, die vom Hochwasser geschädigt worden sind.“ Angela Merkel betonte außerdem, dass es bereits am Freitag ein Krisengespräch zwischen Bundes- und Landesregierung gegeben habe. „Bund und Land wollen gemeinsam handeln, kurzfristig und schnell. Aber auch mit langem Atem, denn die Folgen dieser Katastrophe werden nicht morgen beseitigt sein.“

Erleichtert sei sie über die überwältigende Hilfsbereitschaft aller Menschen, die sich kreis-, landes- und bundesweit auf den Weg gemacht hätten, um zu helfen, die schlimmsten Folgen zu beseitigen. Bundeswehr und Bundespolizei seien vor Ort, und zwar „so lange sie gebraucht werden.“ Das sei auch mit Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer so besprochen. „Zum Glück ist Deutschland ein starkes Land“, so Merkel weiter. Das werde helfen, die Schäden langfristig zu beseitigen. „Bereits am Mittwoch wird der Bund ein Maßnahmenpaket beschließen“, sagte sie damit kurzfristige finanzielle Hilfe zu. Mittelfristig müssen wahrscheinlich mehr als 300 Millionen Euro für die zerstörte Infrastruktur bereitgestellt werden. Dies war zumindest die Summe, die aus den vergleichbaren Katastrophen der Vergangenheit gebraucht wurde.

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer stimmte den Ausführungen der Bundeskanzlerin zu und ergänzte: „Eine Katastrophe unmenschlichen Ausmaßes hat diese Region getroffen, es sind 670 Verletzte registriert und 112 Tote bisher“, sagte sie, „und noch immer suchen Hubschrauber und Hundestaffeln nach Vermissten.“ Und viele könnten verständlicherweise auch seelisch nicht wirklich mit dieser Zerstörung umgehen. „Frau Bundeskanzlerin und ich haben Schuld besucht. Wir können und sollten nicht überall sein, aber wir brauchen den Eindruck von der Zerstörung, um handeln zu können“, betonte Malu Dreyer, und ausdrücklich danke sie den vielen Helfern, den Organisationen wie THW, Feuerwehr und DRK, aber auch den Bürgern, die alle durch ihren Einsatz bis an ihre Grenzen gegangen seien, und darüber hinaus. „Den Landwirten, die mit ihren Traktoren gekommen sind, obwohl sie selbst betroffen sind, danke ich ebenso wie den Winzern, die Angst um ihre Trauben haben. Die Rettung und das Auffinden von Menschen hat oberste Priorität, so dass die Hubschrauber erst im Anschluss die dringend notwendigen Spritzflüge machen können.“ Viele Wochen und Monate würden gebraucht werden, diese Region wieder herzustellen. „Die Heimat ist kaum noch zu erkennen“, bringt Dreyer die Situation auf den Punkt. „Rheinland Pfalz kennt Hochwasser, wir leben seit vielen Jahren damit, aber seit einigen Jahren häufen sich die Starkregenereignisse.“ 16 Millionen Euro habe das Land in Starkregenkonzepte investiert. „Eigentlich waren wir gut gerüstet. Aber dies hat alle Erwartungen übertroffen.“

Dem schloss sich auch Helmut Lussi, Bürgermeister von Schuld an. „Bis vor ein paar Tagen waren wir noch eine normale Gemeinde, alle kennen sich, wir haben eine Top-Dorfgemeinschaft.“

2014 war der Ort Sieger im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“, ein neuer Sportplatz war gerade gebaut worden und drohendes Hochwasser hatte man bis zu einem Pegel von 3,60 m im Griff. „Diese Katastrophe übersteigt jedoch alle Dimensionen“, so Lussi, der kurzzeitig die Fassung verlor. Man merkte ihm seine Verzweiflung an: „Das Wasser kam immer schneller“, beschreibt er die Situation, „der Pegel stieg innerhalb kurzer Zeit auf 8,87 m. Alle Häuser sind betroffen, Menschen mussten in letzter Sekunde vor dem Ertrinken gerettet werden.“ Zum Glück habe man jedoch in seiner Gemeinde keine Menschenleben zu beklagen, berichtet er weiter, aber „diese Flut wird bei den Menschen Narben hinterlassen.“ 31-48 Millionen Euro wird, laut Kostenschätzung der Experten, allein die Schadensbehebung in dem Ort Schuld benötigen. „Und nicht alles ist durch Versicherungen abgedeckt“, so Helmut Lussi abschließend.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius, betonte, dass es nicht nur Wochen, sondern Monate dauern werde, bis in den Ortschaften, insbesondere an der Ahr wieder halbwegs bewohnbare Zustände herrschten. Trotzdem zeigte er sich zuversichtlich, dass die betroffenen Ortschaften wiederaufgebaut würden. „Wir Eifler hier im Adenauer Land, wir schwätzen nicht lange, wir handeln und wir packen an! Wir verzeichnen eine unglaubliche Hilfsbereitschaft, die Menschen stehen gerade in der Krise zusammen“, so Nisius.

Einig waren sich alle, dass die Hilfe schnell zur Verfügung stehen müsse. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die notwendigen Geldmittel müssten zeitnah durch den Bund genehmigt und über Kreise, Landräte, Kommunen und deren Bürgermeister verteilt werden, „damit Hilfe so rasch wie möglich geleistet werden kann.“ Außerdem müsse man mittel- und langfristig an Konzepten arbeiten, um solche Katastrophen in Zukunft zu verhindern. Denn nach der Klimapolitik der Zukunft gefragt, betonte Merkel: „Die Summe der Ereignisse muss Auswirkungen auf unser politisches Handeln haben.“ Und: „Wir müssen uns sputen.“-HE-

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19.07.2021 19:16 Uhr
Wally

Starkregen auf den Klimaschutz zu schieben ist falsch aber einfach. Ein total von den Menschen beherrschtes Klima schützt vor solchen Wetterunbilden nicht. Das wissen diejenigen am besten, die schon jahrelang mit den Fluten an den großen Flüssen wie Rhein und Mosel leben. Die wissen auch das die Fluten von der falschen Planung und von den falsch zugelassenen Bebauungen kommen und nicht vom Klimawandel.
Die seit Jahren klammen und durch andere Aufgaben völlig finanziell überforderten Kommunen haben überall da gespart, bei der Infrastruktur, bei der Kanalisation, bei bei Rückhaltebecken, bei Rückstauklappen an Häusern und vor allem an den Frühwarnsystemen. Spätestes als der letzte bundesweit durchgeführte Sirenentest ein einzigen Desaster war, hätte man wach werden müssen.
Und genauso wie wir der Natur ihren Lauf bei den Flüssen nicht gelassen haben, bauen wir jetzt ohne Not, rein aus idiologischen Gründen, eine Wirtschaft mit Gewalt um und werden wiederum ein Desaster erleben.
Tatsache ist, das am Mittwochabend letzter Wochen keine Evakuierung der Brennpunkte angeordnet wurde, sondern man fuhr leidlich mit Lautsprecherwagen durch die Stadt und bat die Besitzer ihre Autos an einen sichern Ort zu fahren.



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Lothar Skwirblies :
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