Mit einem Staatsakt am Nürburgring gedachte Rheinland-Pfalz der Flutopfer

„Ein Ahrtal mit Zukunft aufbauen“

06.09.2021 - 09:09

Nürburg. In einem bewegenden Staatsakt gedachte das Land Rheinland-Pfalz der Opfer und Betroffenen der verheerenden Flutnacht von Mitte Juli. Neben den Angehörigen von Toten und Vermissten hatte die Landesregierung auch Betroffene, Hilfskräfte und die Bürgermeister von den mehr als 250 durch das Hochwasser in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinden zum Staatsakt an den Nürburgring geladen. Nach einem Choral, der vom Heeresmusikkorps Koblenz und dem Landespolizeiorchester Rheinland-Pfalz gespielt wurde, eröffneten mit einer Meditation Bianca Groh und Dietmar Breininger von der psychosozialen Notfallversorgung des Deutschen Roten Kreuzes die Gedenkfeier. „Das Ungeheuerliche brach über uns herein, unsere vertraute Umgebung wurde zerstört, unsere wichtigsten Dinge wurden uns fortgerissen“. Mit diesen Worten in ihrer Meditation dürften sie vielen der anwesenden Betroffenen aus dem Herzen gesprochen haben.


Auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer sprach den Angehörigen ihre Anteilnahme aus. „Sie sind nicht allein. Ganz Rheinland-Pfalz nimmt Anteil an Ihrem Leid“, sagte Dreyer. Die Naturkatastrophe in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli habe ganz Rheinland-Pfalz bis ins Mark getroffen und auch ihr gingen die vielen Schicksale nicht mehr aus dem Kopf. Zudem versuchte sie, mit ihren weiteren Worten die Zukunftsängste vieler Betroffener abzumildern. „Ich weiß, dass die größte Sorge vor Ort jetzt ist, vergessen zu werden, wenn sich die Kameras wieder auf andere Ereignisse richten“, sagte die SPD-Politikerin in ihrer Ansprache. Sie bekräftigte aber, dass niemand vergessen würde und die Landesregierung alles dafür tun würde, dass die alte Heimat auch die neue Heimat sein könne. „Wir wollen zusammen mit den kommunalen Verantwortlichen und allen Menschen vor Ort ein Ahrtal mit Zukunft aufbauen. Eines, in dem die Menschen gern und möglichst sicher leben können“, so Dreyer. Dazu stehe die Landesregierung den Betroffenen und den Kommunen zur Seite. „Darauf können Sie sich verlassen“, betonte die Ministerpräsidentin.


Bewegende Worte des Bundespräsidenten


Sieben Wochen nach den verheerenden Verwüstungen durch die Flutwelle, bei der im Ahrtal 134 Menschen ihr Leben verloren und 766 verletzt wurden, brachte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei dem Staatsakt in bewegenden Worten seine Gefühle zum Ausdruck.

„Wofür noch leben, wenn nichts mehr ist, wie es war? Diese Worte eines Mannes aus den Tagen der Flut treiben mich um“, so der Bundespräsident und fährt fort. „Sie lassen mich nicht mehr los, seitdem mir davon berichtet wurde. Ich weiß: Viele von Ihnen, die heute hier sind, viele Menschen an Rhein, Mosel und Ahr sind zutiefst verzweifelt, wissen nicht, wie es weitergehen soll, seit jener so furchtbaren und Unheil bringenden Nacht Mitte Juli. Jener Nacht, in der das Wasser kam, das schlimmste Hochwasser seit Menschengedenken hier in der Region, das beschauliche Bäche und Flüsschen zu reißenden Strömen werden ließ, die alles mit sich fortrissen. Schuld, Insul, Dümpelfeld, Altenahr, Mayschoß, Ahrbrück, Dernau, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig und viele andere Orte versanken in den Fluten. Nichts ist mehr, wie es war für Sie, die um Ihre Liebsten trauern, um Ihre Nachbarn, Ihre Freunde. Ich möchte Ihnen, den Angehörigen und Hinterbliebenen, heute mein tiefes Beileid und meine Anteilnahme aussprechen. Wir, das ganze Land, trauern mit Ihnen. Als Bundespräsident ist es mir ein Anliegen, heute hier bei Ihnen und mit Ihnen zu sein“.

Ebenso wie Dreyer bedankte sich auch Steinmeier bei dem professionellen und freiwilligen Helfer für ihre überwältigende Hilfsbereitschaft, zudem galt sein Dank auch den Menschen, die durch ihre Spenden Hilfe leisteten.

Weiterhin zollte der Bundespräsident den Betroffenen seinen Respekt, dass sie trotz ihrer Lage nicht aufgegeben hätten und nach vorne blickten, so unendlich schwer es auch oft fallen möge. Die Bilder der Zerstörung und des Leids hätten ihn und Menschen in ganz Deutschland erschüttert. Neben Dreyer bekräftigte auch Steinmeier, dass man die betroffenen Regionen weiter unterstützen werde. Mit den Worten „Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen: Wir stehen an Ihrer Seite. Wir wissen, dass in Ihrem Leben nichts mehr ist, wie es war. Aber Sie sollen wissen: Auf Ihrem Weg zurück ins Leben lässt Sie Ihr Land nicht allein“, schloss der Bundespräsident seine Rede.

Immer wieder gab es bei der Gedenkfeier ergreifende Momente, wie bei dem eingespielten Film Video, in dem ein Mann unter Tränen erzählt, wie er im Schlamm seinen verlorenen Ehering wiedergefunden hatte. Oder als Wilfried Laufer über den Verlust seines 83-jährigen Vaters berichtete. Er schilderte die letzten gemeinsamen Stunden zusammen ihm in ihrem Weinhaus in Altenahr. Seine Fahrt nach Hause und den Versuchen, später wieder zu seinem Vater zu gelangen. Das letzte Telefonat, die Angst und Ungewissheit in den folgenden Stunden und die erfolglose Suche nach dem Vater in dessen Haus am Morgen nach der Katastrophennacht. „In dem Moment wurde mir klar, dass er ertrunken ist und weggespült wurde“, sagte Wilfried Laufer. Sein Vater sei drei Tage später 25 Kilometer flussabwärts gefunden worden. Seine Rede endete mit den Worten: „Ich hoffe, dass alle die Kraft finden, ihre Heimat wieder aufzubauen und sie in einem neuen glanzvollen Licht erstrahlen zu lassen“.

Im Anschluss verlasen zwei Schauspieler des Theaters Koblenz die Namen der Verstorbenen, woran sich eine Schweigeminute zum Gedenken an die Toten anschloss.

Die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand eröffnete ihre Rede mit den Worten: „Die Ahr, früher unser launiger Weggefährte, ist mit all ihren Zuläufen zu einem Monster, zu einem brutalen Ungeheuer geworden“. Und mit dem Blick auf die weitere Zukunft gerichtet sagte sie: „Unser Ziel muss sein, Strategien zu entwickeln, wie wir künftig unter dem Einfluss des Klimawandels sicher in Flussregionen leben können. Der Wiederaufbau an der Ahr kann dabei zum Modell für die vielen Mittelgebirgsflüsse in Europa werden. Ziel ist es dabei auch, konkrete Wohn- und Lebensstrategien zu entwickeln, damit unsere alte Heimat auch unsere neue Heimat werden kann.“

Nachdem Heinz Wolschendorf als Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Landes Rheinland-Pfalz stellvertretend für alle professionellen Hilfskräfte und Thomas Pütz, Organisator des „Helfershuttle Ahrtal“ für die vielen freiwilligen Helfer gesprochen hatte. Erinnerte ein Filmeinspieler untermalt von dem Lied „En unserem Veedel“ an die enorme Hilfsbereitschaft in den zurückliegenden Wochen und zeichnete damit am Ende „Momente der Zuversicht und Solidarität“ in dem Staatsakt des Landes Rheinland-Pfalz.

Der Nürburgring selbst diente den Helfern nach der Flutkatastrophe als Basislager, von hier starten Hilfskräfte von Polizei, Bundeswehr, Rettungsdienst sowie Brand- und Katastrophenschutz zu ihren Einsätzen in das Ahrtal.

BURG

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Kommentare
Gabriele Friedrich:
Was soll denn einer noch dazu sagen? Unfassbar wieder und ebenso erneut bewiesen, das in diesem Land alte Menschen nicht betreut sind und nicht genügend nach ihnen gesehen wird. Das alte Menschen auch Altersstur sein können ist bekannt, aber mit viel Geduld kann man eben auch etwas erreichen. Da hat...
Gabriele Friedrich:
Das ist ja zum totlachen. Ein Blaulicht kann man überall kaufen, das Internet bietet alles, was Bekloppte gebrauchen können. Und keiner hat sich das Kennzeichen gemerkt ? Jeder Deutsche weiß wie unsere Polizeiautos aussehen. In dem Moment wo ich bedrängt werde, wähle ich die 110 und dann ist die...
Gabriele Friedrich:
Der Kassierer an der Tankstelle hätte das ebenso merken müssen. Hat er Angst gehabt...das der Kunde gewalttätig wird ? Angst ist ein schlechter Begleiter. Der Fahrer war schon Sternhagelvoll als er bezahlt hat. Grundsätzlich haben in einer Tankstelle 2 Leute !!! zu arbeiten- wann kapieren die Besitzer...
 

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